Jetzt zur Wintersonnenwende feiern die Menschen überall ihr Lichterfest.

Die Natur jedoch liegt nun in tiefem Schlaf. Nicht nur die Tiere, die ihren Winterschlaf oder ihre Winterruhe halten, auch die Pflanzen haben sich in ihre inneren Tiefen zurückgezogen. Der Waldbauer weiß, Holz das jetzt um diese Zeit geschlagen wird, ist gutes Bauholz das sich kaum bewegt. Das liegt daran, dass die Bäume nun, da die Sonne am tiefsten steht, ihren Stoffwechsel auf ein Minimum reduziert haben. Sie schlafen, in tiefer Versenkung. Doch wovon mögen sie wohl träumen?

Der Apfelbaum träumt von der Sonne. Im Frühling sind die wärmenden Sonnenstrahlen noch zaghaft wie ein Schelm. Tagsüber kitzeln sie seine vielen kleinen Knospen wach, in denen bereits die Ansätze der Blüten und Blätter warten. Schlaftrunken blinzeln diese ins aufkeimende Licht, doch dämmern sie gleich wieder weiter, wenn der Nachfrost sie abends einlullt. Etwas später wenn die Sonnenstrahlen stärker geworden sind, lassen sie den Apfelbaum in voller Pracht erblühen.

Gierig kommen dann die Bienen und werden mit seinem süßen Nektar belohnt. Auch seine grünen Blätter bringt er nun hervor. Mit ihnen nimmt er die volle Energie der Sonne auf, zieht sie in sein Inneres und wandelt sie um in pure Kraft. Diese strotzt förmlich aus ihm heraus und er lässt viele saftige Früchte wachsen. In jedem dieser Kraftpakete schlafen kleine Samen, die er für die nächste Generation auf die Reise schickt. Nun ist die Sommersonne feurig heiß und malt den saftigen Früchten rote Wangen auf ihr Antlitz. Die Äste des Baumes biegen sich unter der süßen Last. Menschen und Tiere kommen und laben sich daran. So werden auch die Samen weiter verteilt und da und dort, wo der Boden und der Platz geeignet ist, keimt ein neuer kleiner Apfelbaum.

Die sanfte Weide die da unten am Weiher steht, träumt vom frischen Wasser. An heißen Sonnentagen saugt sie es gierig mit ihren Wurzeln aus der Tiefe und zieht es ganz hoch bis in ihre Krone. Über ihre silbrigen Blätter schwitzt sie es wieder aus und schafft damit ihr eigenes kleines Klima. Manchmal verweilen Menschen und Tiere in ihrem Schatten und genießen die angenehme Kühle. Dann kann die Weide dem Geplauder und den Geschichten lauschen und erfährt so vom Treiben rund um die Welt. Als Dank lässt sie hier und da über ihre Blätter ein paar kühlende Tropfen auf die Besucher fallen, um ihnen ein wenig Erfrischung zu bieten. Erst im Herbst werden die Besuche wieder weniger, das Fließen des Wassers verlangsamt sich, bis es dann mit dem Winterfrost völlig erstarrt, und sich erst im nächsten Frühling wieder in den ewigen Fluss des Lebens eingliedert.

Die luftige Birke träumt vom Sommerwind der ihr durch die Blätter rauscht. Sanft wiegt sie sich in seinen Böen wie in einem Tanz. Das Pfeifen des Windes ist für sie wie eine süße Melodie, die sie mit dem Rascheln ihrer Blätter begleitet. Mit dem Frühlingserwachen erwachen auch die Birken und tanzen ihre Reigen. Manchmal wiegen sie sich sanft, manchmal bäumen sie wild auf, ganz im Rhythmus des Windes. Erst wenn sie ihr Herbstkleid ablegen fallen sie in tiefen Schlaf und träumen von dem Tanz, der im Frühling auf ein Neues beginnt.

Die mächtige Eiche träumt von der Erde, in der sie tief verwurzelt ist. Sie ist schon alt und vieles hat sie kommen und wieder gehen gesehen. Viele haben in ihrem Schatten verweilt, ihre Früchte gesammelt, Reigen rund um ihren Stamm getanzt, oder sich gar im Schutz ihrer mächtigen Krone versammelt um vermeintlich wichtige Dinge zu besprechen oder fröhliche Feste zu feiern. Große Leute waren unter ihnen, und auch kleine, die Eiche hat sie alle gesehen. Klein und zerbrechlich kamen sie in diese Welt, doch sie sind gewachsen. Stolz waren sie, und fleißig. Andere liebten die schönen Künste, oder die Liebe. Viele Geschichten haben sie in den Schatten der Eiche getragen, und alle sind sie wieder vergangen. Weitergezogen sind sie, haben ihr Leben gelebt, sind alt geworden und irgendwann gestorben. Manche ihrer Geschichten haben sich gewandelt zu Mythen und Märchen. Einzig die Erde rund um sie, in der sie tief ihre Wurzeln verankert hat, ist immer dieselbe geblieben. Ein guter Freund ist sie ihr geworden der sie über viele Jahrhunderte stets begleitet. Nicht nur Nahrung und Halt spendet sie ihr, sondern auch Trost. Solange bis auch sie selbst vergeht und ihre eigene Geschichte ein Ende findet. Selbst dann wird die Erde hier noch immer dieselbe sein und die Erinnerung an sie weitertragen.

Viele Träume könnte man hier noch erzählen, von der duftenden Linde, die vom Liebesspiel mit den Bienen im Frühsommer träumt, oder dem kecken Kirschbaum. Er träumt von den lustigen Vögeln die in seinen Ästen um seine Früchte streiten. Es ist wie mit uns Menschen. Auch jeder Baum hat seinen eigenen Charakter und seinen ureigenen Traum. Doch Bäume leben viel langsamer als wir. So müssen wir ganz still werden und inne halten, wenn wir die Geschichten hören wollen, die sie uns erzählen.

 

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