Auch wenn auf den ersten Blick nicht Jeder ein Freund der wehrhaften Karde ist, so ist sie doch eine große Bereicherung für den naturnahen Garten wie auch für die Hausapotheke. Die wilde Karde (Dipsacus fulonum L.) wird aufgrund ihrer Stacheln auf Stängel und Blattadern fälschlicherweise oft als Distel bezeichnet. Tatsächlich bilden die Karden eine eigene Gattung in der Unterfamilie der Kardengewächse (Dipsacoidaea) zu denen neben den Karden auch die Witwenblumen, die Skabiosen und der gewöhnliche Teufelsabbiss zählen.

Für den Naturgarten ist die Karde ein wahrer Segen, und dabei auch sehr pflegeleicht. Der Platz im Staudenbeet sollte jedoch gut gewählt sein, da sich die Karde sehr leicht selbst aussät. Ungewollte Jungpflanzen im Rasen können jedoch einfach mitsamt der Wurzel herausgestochen werden und finden später in der Küche oder Hausapotheke Verwendung. Die zweijährige Pflanze bildet im ersten Jahr eine Blattrosette die mit einer langen Pfahlwurzel gut im Boden verankert ist. Erst im zweiten Jahr werden die bis zu zwei Meter hohen Blütenstängel mit ihren lanzettförmigen Blättern gebildet.

Der Blütenstand im Juli und August ist eine wichtige Nahrungsquelle für Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge. Dabei öffnen sich die lila Röhrenblüten immer in zwei Reihen entlang des Blütenkorbs von der Mitte aus, und schreiten während der gesamten Blütezeit langsam nach unten. Die Blätter der Karde sind am Stängel trichterförmig verwachsen, sodass sich darin Regenwasser sammeln kann. Dadurch bietet dieses „Venusbecken“ eine natürliche Tränke für Insekten und kleine Vögel. Der Gattungsname „Dipsacus“ von grichisch „dipsa“ für „Durst“ weißt auf diese Eigenschaft hin.

Die Vögel lieben auch den Fruchtstand der Karde und seine nahrhaften Samen. Insbesondere Distelfinken, aber auch Meisen und Andere nutzen diese natürliche Futterquelle im Herbst und im Winter. Daher empfiehlt es sich, die verblühten Fruchtstände über den Winter bis ins Frühjahr im Garten stehen zu lassen. Diese sehen nicht nur hübsch aus, sie dienen auch kleinen Insekten als Unterschlupf zum Überwintern. Desweiteren sind sie eine wunderbare Deko in Trockengestecken oder Vasen sowie ein schönes Fotomotiv.

Die zahlreichen Jungpflanzen die sich durch die Selbstaussaat bilden, sollten regelmäßig mit einer Handschaufel oder einem Gemüsemesser dezimiert werden. Dabei kann das Jäten gleich als Ernte der heilkräftigen Wurzel dienen. Diese wird im Herbst, oder auch im Frühling, im Zuge der ersten Gartenarbeiten aus dem Boden gestochen und kann vielseitig verwendet werden. Die grünen, stacheligen Blätter dienen der Verbesserung des Komposts, oder als Schneckenschutz rund um andere Jungpflanzen.

Die Anwendung der Kardenwurzel in der Küche ist kaum noch bekannt. Dabei wurde diese früher ähnlich wie die Schwarzwurzel als Gemüse genossen. Vor der Verwendung wurden die fleischigen Pfahlwurzeln jedoch in Essig gekocht um die übermäßigen Bitterstoffe auszuschwemmen. Einen Hinweis auf ein Gemüsegericht mit in Essig gekochter Karde finden wir zum Beispiel in Umberto Eco´s Werk „Der Friedhof in Prag“, in dem der misanthropische Protagonist ein großer Freund der feudalen Küche ist.  

Obwohl die wilde Karde bisher keine Monographie von anerkannten Expertengremien erhalten hat, ist ihre Verwendung in der traditionellen Pflanzenheilkunde und Volksmedizin sehr umfangreich. Verwendet wird auch hier hauptsächlich die kräftige, bittere Pfahlwurzel, selten das grüne Kraut bzw. Extrakte aus den Blättern. Die Pflanzenteile werden getrocknet und innerlich als Tee, Dekokt oder Tinktur bereitet. Auch äußerlich als Waschung bei Akne oder Ekzemen kann sie verwendet werden.

Bereits Dioskurides empfahl die Wurzel der Karde gekocht und zu einer Paste zerstoßen auf Schrunden, Fisteln und Warzen aufzutragen. Volksmedizinisch wird die Karde desweiteren zur Anregung von Leber und Galle, bei Magenbeschwerden, zur Appetitanregung, zur Blutreinigung sowie als schweißtreibendes und harntreibendes Mittel eingesetzt. Verantwortlich für die Wirksamkeit sind enthaltene Bitterstoffe, Iridoidglycoside, Polyphenole, Saponine, organische Säuren und Mineralsalze.

Eine bekannte Publikation der Karde zur Behandlung von Borreliose ist in Fachkreisen derzeit umstritten. Doch weisen klinische Studien mit Extrakten aus den Blättern der wilden Karde auf eine hohe Aktivität gegen „Borrelia burgdorferi“, den durch Zecken übertragenen Erreger der Lyme-Borreliose auf. Die Iridoid-Glycosid-Fraktion zeigte eine bemerkenswerte Wirkung gegen Borrelien bei gleichzeitig verringerter Zytotoxizität in der stationären Phase.

Desweiteren wurde in Studien eine entzündungshemmende, antioxidative, antibakterielle und sogar antitumorale Wirksamkeit beobachtet. Dabei zeigten Extrakte der Blätter die stärkere antioxidative Wirkung, wohingegen die Wurzeln eine Acetylcholinesterase-Hemmung aufwiesen. Der gezielte Einsatz von Acetylcholinesterase-Hemmern findet in der Medizin unter anderem bei Muskelschwäche oder zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit Anwendung. Zusätzlich wurde die antibakterielle Wirkung von Extrakten der Kardewurzel auf verschiedene Bakterienstämme wie Staphyllococcus aureus und Escherichia coli bestätigt.

Allein diese Forschungsergebnisse zeigen, dass es auch bei alltäglichen und unbeachteten Pflanzen am Wegesrand noch viel zu entdecken gibt. Oft geben altbewährte Anwendungen den Anstoß für neue, richtungsweisende Studien. Wichtig dabei ist es offen zu bleiben, sowohl für neues, wie auch für traditionelles Wissen.   

Studien:

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31936189/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35056144/

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Andi + Alex
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