Der Holzhiasl-Hof im Dornröschenschlaf…

Es ist schon rund 300 Jahre her, als der alte Holzhiasl den Hof gebaut hat. Es war die Zeit, als überall in der Gegend die alten Grafschaften zerfielen. Der Holzhiasl war Schlossverwalter in der Grafschaft Dobl gewesen, und als die Grafschaft zerfiel, hat er dieses Stück Land als Abfindung erhalten. So erzählte zumindest meine Großmutter. Meine Recherchen haben ergeben, dass es sich dabei wohl um das Schloss Gjaidhof gehandelt haben muss, welches ursprünglich von den Babenbergern erbaut, bis Anfang des 19 JH den Habsburgern als Jagdschloss diente.

Gut 9 ha Land sind es heute noch, die zum Holzhiasl-Hof gehören. Die Hälfte davon ist Freiland, die andere Hälfte gehört zum Kaiserwald. Das Haus steht auf einem Hügel mit Blick nach Westen auf die Koralpe. Alte Apfelbäume findet man hier noch, auch Hirschbirnen und Zwetschkenbäume stehen auf der Streuobstwiese. Nach Süden führt ein Weg den Hügel runter auf eine Feuchtwiese. Dort schlängelt sich ein kleiner Bach aus dem Wald. Früher wurde er „die Mühlleitn“ genannt.

Als der alte Holzhiasl den Hof erbaute, war die Mühle am Bach schon lange Zeit zerfallen. Nur einige alte Steine erinnerten noch an sie. Diese Steine wurden in das Kellerstöckel vom Haupthaus miteingebaut. Im Wald hinterm Haus ist ein alter Lehmbruch zu finden. Dort wurde der Lehm für die Ziegel aus dem Boden herausgebrochen. Jeder Ziegel wurde selbst gebrannt. Den Bach, an dem die Mühle stand, gibt es noch immer. Wie im Märchen schlängelt er sich seinen Weg durch den Wald nach draußen auf die Feuchtwiese.

Magische Plätze sind in diesem Wald zu finden. Libellen, Feuersalamander und zahlreiche Waldtiere haben hier ihr Zuhause. Heilpflanzen wie Blutwurz, Malven, Giersch, Schwalbenwurz-Enzian wachsen im Wald und auf den Wiesen. Und jetzt im Sommer tragen die Heidelbeeren so viele Früchte, dass sie im Wald blau schimmern. Wenn es genug regnet gibt es Pilze. Doch man muss die Plätze dafür gut kennen. Diese wurden in der Familie weitergegeben und keinem anderen verraten.

Als der alte Holzhiasl starb, hat er den Hof an seinen Sohn weitergegeben. Dieser gab ihn an seinen Sohn weiter, und dieser an den nächsten. Bis in die 5te Generation wurde der Hof noch von Hand bewirtschaftet. Im Stall standen ein paar Kühe und ein paar Schweine. Es gab Hühner, Katzen, Hasen und einen großen Hofhund. Im Spätfrühling wurden die Kürbissamen von Hand ausgebracht. Mit einer Gartenhacke wurde ein Loch aufgeschlagen, eine Handvoll Kuhmist kam hinein, und die Kürbissamen oben drauf. Danach wurde das Loch wieder zugemacht. Loch für Loch, Reihe für Reihe, bis der ganze Acker ausgebracht war. Im Herbst wurde der Mais in der Stube aufgeschüttet und von Hand geknüpft, sodass man ihn im Dachboden aufhängen konnte.

Die letzte Holzhiasl-Bäuerin, meine Großmutter, starb vor nun inzwischen 10 Jahren. Seither steht der Hof leer, wie im Dornröschenschlaf. Doch weht ein Raunen des Erwachens aus dem Wald und durchdringt das Haus und den alten Obst Hain. Als ob er darauf warten würde, dass er von der nächsten Generation wachgeküsst wird.